Freiburgs Urbane Garteniniativen machen einen Vorstoß für eine gärtnerische Willkommenskultur

Beim Vernetzungtreffen im November 2015 haben sich die Vertreter*innen von über 10 urbanen Gärten in Freiburg dafür ausgesprochen,  Gärten für und mit Geflüchteten aktiv zu fördern und uns auch bei der Freiburger Stadtverwaltung dafür stark zu machen. Beim Runden Tisch für Urbane Gärten des Garten- und Tiefbauamts haben wir diese Absicht bekräftigt – und offene Türen eingerannt.

Die Vertreter*innen der Stadt begrüßten unseren Vorstoß und baten um eine schriftliche Fassung. Darauf haben wir die unten stehende Absichtserklärung erarbeitet. Wir fordern die Stadt Freiburg zu kurz-, mittel- und langfristigen Strategien auf, Gärten an Flüchtlingsunterkünften, interkulturelle Gärten und überhaupt Gärten für alle (im Sinne der gartengerechten Stadt) zu schaffen. Im Grunde finden viele von uns den Begriff des „Forderns“ nicht besonders einladend oder kooperativ. Uns wurde aber nahegelegt, unsere Anregungen als Forderungen zu formulieren, damit sie klar und zielstrebig sind. Auf die Formulierung „auffordern“ konnten wir uns einigen – und hoffen, dass eine Kooperation von städtischen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen entsteht zugunsten von Gärten für und mit Geflüchteten.

Absichtserklärung Urbane Gärten Freiburg: Vorschläge für die Stadt Freiburg zur Förderung einer gärtnerischen Willkommenskultur für Geflüchtete:

(Verschriftlichung und Überarbeitung von Jenny Lay-Kumar und Hartmut Wager)

Wir, die VertreterInnen von 10 urbanen Gartenprojekten in Freiburg, setzen uns für eine gärtnerische Willkommenskultur für Geflüchtete ein. Wir haben am 2.11.2015 beschlossen, Projekte für und von Geflüchteten zu initiieren und zu unterstützen. Wir sehen dies als Beitrag der Freiburger Zivilgesellschaft zur Flüchtlingsintegration. Das Projekt wollen wir im Netzwerk der urbanen Gartenprojekte Freiburgs und in Abstimmung mit den beteiligten Sozialdiensten in den Heimen, den amtlichen Stellen (Sozial-, Garten- und Tiefbauamt, Stadtplanungsamt, RP), den Trägern der Flüchtlingsunterkünfte sowie den Flüchtlingsinitiativen und weiteren Kooperationspartnern entwickeln.

Wir fordern die Stadt Freiburg auf, urbane Gärten für und mit Geflüchtete durch kurz-, mittel- und langfristige Strategien zu unterstützen.

1. Kurzfristige Strategie: Urbane Gärten an Flüchtlingswohnheimen ermöglichen

Wir bieten der Stadt Freiburg Unterstützung an, um mit unseren Erfahrungen die Lebensqualität im Außenbereich der Flüchtlingswohnheime zu verbessern und Geflüchteten Räume des Rückzugs und sinnvoller Betätigung anzubieten. Von Seiten der Stadt wünschen wir uns ein vereinfachtes Auswahl- und Bewilligungsverfahren für dafür geeignete Flächen, die an die Unterkünfte grenzen (inkl. Nutzungsverträgen). Es ist wünschenswert, dass das Garten- und Tiefbauamt solche Projekt mit Material unterstützt (Humus, Holz, Steine). Falls in der Umgebung keine Flächen dafür zur Verfügung stehen, wären Randzonen innerhalb des Heimgeländes auf ihre Eignung zu prüfen. Auch mit wenig Platzbedarf könnten dort in Hochbeet- oder vertikalen Pflanzsack-Kulturen Gemüse, Beerenobst oder Blumen angepflanzt werden. Hierfür stehen Erfahrungen und Modelle zur Verfügung, wie auf engstem Raum in afrikanischen Großstadt-Slums gegärtnert wird (OTEPIC, Kenia) sowie Erfahrungen aus Freiburger Gärten. Die konkrete Gestaltung der Flüchtlingsgärten ist sorgfältig zu planen und auf die räumlichen Möglichkeiten und die Bedürfnisse der Flüchtlinge abzustimmen. Der Aufbau der Gärten soll in enger Kooperation mit den Trägern der Unterkünfte, den dort aktiven Flüchtlingsinitiativen und den AkteurInnen des Urbanen Gärtnern Freiburg stattfinden.

2. Mittelfristige Strategie: Schaffung zahlreicher Interkultureller Gärten

Zugunsten von interkulturellem Austausch sollen Gemeinschaftsgärten in den Quartieren geschaffen werden, die von Geflüchteten und der ansässigen Bevölkerung gemeinsam gestaltet werden. Dazu gehört, dass sich die Unterscheidung zwischen Geflüchteten und lokaler Bevölkerung nach und nach auflöst. Hilfreich ist die Gründung einer Projektgruppe „Interkulturelle Gärten Freiburg“. Sie würde die Erfahrungen den ersten Projekten auswerten, das Konzept weiterentwickeln und Vernetzung fördern (auch mit anderen interkulturellen Gärten deutschlandweit). Die Projektgruppe würde daran arbeiten, dass zahlreiche interkulturelle Gemeinschaftsgärten in Freiburg entstehen, die von Geflüchteten und der Nachbarschaft gemeinsam gestaltet und genutzt werden. Damit würde die Integration der Geflüchteten in ihre Nachbarschaft erleichtert, Vorurteile durch gemeinsames Tun abgebaut und soziale Nachhaltigkeit voran gebracht.

Wir fordern die Stadt auf, Flächen für zukünftige interkulturelle Gärten auszuweisen. Für den Aufbau der Gärten ist es wünschenswert, dass die Stadt einen partizipativen Gestaltungsprozess moderiert, der AnwohnerInnen und Geflüchtete zusammen bringt. Wir fordern die Schaffung weiterer Stellen beim Garten- und Tiefbauamt, um den Aufbau und die Unterstützung für interkulturelle Gärten voran zu bringen. Wir regen eine enge Kooperation mit den AkteurInnen des Urbanen Gärtnerns und Stadtteilinitiativen an. Wünschenswert ist die Schaffung von interkulturellen Gärten im Rahmen von Projekten der offenen Sozialarbeit, bei der die gärtnerischen Aktivitäten in einen sozialarbeiterischen Rahmen eingebettet werden. Als Vorbild kann das Jenaer Modell dienen (interkultureller Garten „Buntes Gemüse“).

3. Langfristige Strategie: Integration in Stadtplanungs-Konzepte

Hier ist ein Konzept zu entwickeln, wie urbane interkulturelle Gemeinschaftsgärten in die Stadtplanung z.B. neuer Stadtteile einbezogen werden. Dabei ist wünschenswert, dass sich die Unterscheidung in Flüchtlingsgärten, interkulturelle und andere Gärten im Laufe der Zeit auflöst. Gerade wenn durch die Schaffung neuen sozialen Wohnungsbaus Kleingartenflächen wegfallen sollten, ist es wesentlich, neue Gartenflächen mit sozial-integrativen Qualitäten zu schaffen.

Diese Gartenflächen könnten Gemeingüter und als Aktionsräume für die lokale Bevölkerung dienen. Über erste Maßnahmen hinaus sollen urbane Gemeinschaftsgärten in die Stadtplanung einbezogen werden. Die Entwicklung einer gartengerechten Stadt ermöglicht nicht nur interkulturellen Austausch und urbane Subsistenz, sondern trägt zu ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit bei.

Für eine gärtnerische Willkommenskultur für Geflüchtete in Freiburg

Welche Zutaten braucht eine gärtnerische Willkommenskultur? Es brodelt mächtig in der Engagiertenszene in Freiburg. Die Bereitschaft, sich für Geflüchtete zu engagieren, ist groß. Der Ansturm an Helfer*innen überfordert die Träger von Flüchtlingsunterkünften, es gibt viele kleine, wunderbare Ansätze, die jedoch wenig koordiniert sind. Es fehlt an Vernetzung und Infrastruktur.

Bestehende urbane Gärten laden Flüchtlinge zum Mitmachen ein, die Wege sind jedoch teilweise lang. Wie wir beim Willkommensfest mit Picknick am Stadttheater für Geflüchtete aus der Unterkunft Waltershofener Str. feststellten, ist der Weg von der Haid (Gewerbegebiet im Südwesten der Stadt) bis in die Innenstadt eine große Hürde, zumal Geflüchtete nur für die ersten Monate kostenlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren dürfen. Auch ist die Schwelle hoch, sich in ein bestehendes Projekt einzuklinken – ohne Kenntnisse der Sprache und subkultureller Praktiken und Logiken offener Gemeinschaftsgärten. Irgendwo in einer noch fremden Stadt Pflanzen pflegen, ohne zu wissen, ob man sie ernten wird, noch ob man selbst dort Wurzeln schlagen darf und kann … es wäre naiv-idealisierend gedacht, dass diese Herangehensweise Früchte trägt.

Gerade jetzt im Spätherbst, wo die Gärten in Winterschlaf fallen, ist eine gute Zeit, um Pläne zu schmieden und Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Die Urbanen Gärtner*innen Freiburg haben bei einem Vernetzungstreffen beschlossen, die Stadt zu einer gemeinsamen Strategie aufzufordern und den Aufbau von Gärten an Flüchtlingsunterkünften und weiteren interkulturellen Gärten zu unterstützen. Unsere Anregungen an die Stadt, im Moment noch im Entwurfsstadium, werde ich in Kürze posten und über die Verhandlungen auf dem Laufenden halten.

Es gibt an zahlreichen Freiburger Flüchtligsunterkünften Bemühungen, Gärten aufzubauen oder bestehende zu erhalten. Hier erst mal die Aufzählung an Projekten, die mir bekannt sind:

An den schon lang bestehenden Unterkünften in der Hammerschmiedstr. (Littenweiler) und Bissierstr. (zwischen den Stadtteilen Stühlinger und Bischofslinde) gibt es schon lange Gärten, durch hohe Zahlen an Neuankömmlingen musste die Gartenpflege jedoch in den Hintergrund rücken. Im Sommer 2015 hat die Initiative „Diefi“ (Dietenbacher Flüchtlingsinitiative) einen Garten gebaut am neuem Flüchtlingswohnheim in Freiburg-Weingarten, mit dem Motto: Kleine Gärten als Willkommenszeichen (Artikel Badische Zeitung zu Diefi-Garten). Die Freiburger Bürgerstiftung hat ein Beet gestartet am Wohnheim Mooswaldallee (Ortsrand Zähringen/Gundelfingen). Das Wohnheim St. Christoph (Zähringen/Industriegebiet Nord)  plant mit Flüchtlingsinitiativen in Herdern einen Garten bzw. den Bau eines Spielplatzes. Toll fände ich einen Aktionsraum, der Garten und Abenteuerspielplatz (für alle Altersgruppen) gleichermaßen ist! Gerade in St. Christoph, wo so viele Kinder und Jugendliche am Rande des Industriegebiets leben.

Im benachbarten Waldkirch gibt es die Bereitschaft und das räumliche Potential, Gartenflächen für Geflüchtete an den Start zu bringen, die Bürgerinitiative Essbare Stadt und die Stadterwaltung sind im Gespräch. Doch zunächst ist abzuwarten, ob und wann die große Einrichtung für über 1000 Personen kommt.

Darüber hinaus gibt es weitere spannende Projekte und Ansätze, z.B. die Allmende-Sammler (Link zum Projekt der Agronauten und zum zum Artikel in der Badischen Zeitung) und den geplanten Friedenskulturhof, mithilfe von „gelebter Inklusion und Gast-Freundschaft“ einen Ort für Geflüchtete und pflegebedürftige Menschen erschaffen will, der Bio-Landwirtschaft betreiben und als Lernort fungieren möchte  (Link).

Urban Gardening in Jena

Wenn sich Essbare Städte vernetzen und Erfahrungen austauschen, trägt das spannende Früchte. Die Initiativen Essbare Stadt Waldkirch und Essbare Stadt Jena stehen seit einem Jahr in Kontakt und so kam es, dass ich nach Jena eingeladen wurde, um von den Urban Gardening-Erfahrungen in Waldkirch und Freiburg zu berichten.

Am 6.10. organisierten die Essbare Stadt Jena und das lokale Agenda 21-Büro zusammen mit anderen Garteninitiativen einen Kennenlern- und Vernetzungsabend (Link zum Veranstaltungsbericht). Mit dabei waren die Initiativen Essbare Stadt Jena (Link), der interkulturelle Garten Buntes Gemüse (Link), der Volksgarten Jena (Link), der Stadtteilgarten Winzerla (Link), der Lernort Planzhaus, die solidarische Landwirtschaft Paradieschen (Link zum Blog) und der  Lagune Erfurt (Link). Die Stadtverwaltung war mit zahlreichen Vertreter*innen präsent, u.a. dem Dezernenten für Stadtentwicklung und Umwelt, Denis Peisker und der Beauftragten des lokalen Agenda 21-Büros, Sabine Hirschleber.

Ich war in der Doppelrolle als Wissenschaftlerin und Aktivistin eingeladen, den Auftaktvortrag zu halten: „Lokal, zukunftsfähig, lebensfroh – Urbanes Gärtnern in Waldkirch und Freiburg“. „To plant a garden is to believe in tomorrow“, dieses Zitat von Audrey Hepburn nutze ich gern, um den Bogen vom Urbanen Gärtnern zu zukunftsfähigen Deutungsmustern, Alltagspraktiken und Infrastrukturen zu schlagen. Wichtig finde ich, Urbanes Gärtnern nicht nur als nette, kleine Spielart ökologischer Nachhaltigkeitsstrategien darzustellen. Dass urbane Gärten auch das städtische Mikroklima verbessern und ökologische Trittsteine sind, ist ja nicht unwichtig. Es geht aber um viel mehr: Um die Mitgestaltung unserer Städte, um die Gestaltung von Natur-Kultur-Mischformen, weg von der Trennung zwischen Land/-wirtschaft und Stadt/Konsum. Es geht um Denkstöße zu Saatgut und globaler Nahrungsmittelproduktion und um kleinräumige Aktions- und Experimentierräume. Es geht ganz praktisch darum, Nahrungsmittel selbst anzubauen, Räume für soziale Begegnung zu schaffen und Wissen auszutauschen. Eine ressourcenleichte, lebensfrohe Kultur des Tauschens und Teilens zu gestalten und die Pflege von Gemeingütern zu lernen, dafür liefern unsere urbanen Gartenerfahrungen zumindest ein paar kleine, erfahrbare Beispiele, wie Samentauschbörsen, Kartoffelernte-Feste und Pflanz- und Tanzfeste.

Für jüngere Garteninitiativen interessant sind auch die Erfahrungen, die in Waldkirch und Freiburg in der Kooperation von Gartenprojekten und Stadtverwaltung gemacht wurden. Dabei finde ich es wichtig, die Perspektiven von Aktivist*innen und Stadtverwaltung gleichberechtigt darzustellen. Was den einen als Hürde erscheinen mag, stellt sich als Chance heraus, wenn die andere Seite mitmacht. Ein schönes Beispiel für eine Hürde, die sich in eine Chance verwandelt, dreht sich um die Bewässerung der Elzbeete der Essbaren Stadt Waldkirch (Post vom 22.8.15). Spannend sind auch Fragen der Beschilderung von öffentlichen Gartenflächen – wer zeigt sich als erste Adresse mit welchen Konsequenzen? –  und die Frage, ob Schuppen oder Werkzeugunterstände gebaut werden dürfen – und wie sich Stadt und Aktivist*innen entgegen kommen können. Von Seiten der Jenaer Stadtverwaltung kamen zahlreiche Fragen zu diesem Bereich.

Die Vorstellung der Initiativen in Jena, mitsamt Fotos und Geschichten, war für mich sehr spannend. Die Garteninitiativen hatten eine Liste mit Forderungen/Wünschen vorbereitet, die direkt mit dem Dezernenten Peisker und den Vertreter*innen der Verwaltung diskutiert wurden. Eine offizielle Ansprechperson in der Stadtverwaltung in der Stadt zugesprochen zu bekommen, das brauchte kaum mehr als das Lächeln von Sabine Hirschleber, die den Gartenaktivist*innen längst als zuverlässige Unterstützerin bekannt ist. Auch Wünsche zum Gießen und Entsorgen von Laub schienen leicht zu klären,  über Pflege- und Haftpflichtverträge wurde gesprochen. Heißer sind dagegen die Forderung nach einem Haushalts-Budget für Gemeinschaftsgärten und der Unterstützung durch angestellte Gärtner_innen – doch wer nicht fragt, der_die nicht gewinnt. Von Seiten der Stadtverwaltung kam der Vorschlag, weitere Pflanzkübel für Pat*innen in der Innenstadt aufzustellen, denn „die Stadt könnte bunter und schöner werden“. Wenn die Stadtverwaltung schon so begeistert ist, was kann dann noch passieren?

In der Diskussion mit dem Publikum mischte die Initiative „Wem gehört die Stadt?“ die gemütliche Stimmung im Kaminzimmer mit grundsätzlichen Fragen zu sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe auf, fand jedoch breitere Zustimmung, als ich erwartet hätte.

Stadtverwaltung und Aktivist*innen wollen sich weiter treffen und konkrete Schritte aushandeln. Ich bin gespannt, was sich weiter tut in Jena.

Von meinem Besuch auf den Flächen der Essbaren Stadt Jena und im interkulturellen Garten „Buntes Gemüse“ berichte ich nächstes Mal mitsamt Fotos.