Buntes Gemüse Jena – interkultureller Gemeinschaftsgarten, eingebettet in ein Projekt der offenen Sozialarbeit

Seit meinem Besuch in Jena zum Vernetzungstreffen (s. Post vom 26.10.15) habe ich so oft vom „Jenaer Modell“ berichtet, aber noch nichts geschrieben. Ein Nachtrag: Der Garten „Buntes Gemüse“ in Jena-Lopeda (Link) ist nicht nur interkultureller Gemeinschaftsgarten, eine Oase in einer der größten Plattenbausiedlungen Europas. Es ist ein Projekt, das deutschlandweit Schule machen könnte – und dabei es ist selbst noch nicht über die Experimentalphase hinaus. Aber eins nach dem anderen.
Zunächst gab es den Abenteuerspielplatz (Link zur Seite des Abenteuerspielplatzes), ein Projekt der offenen Kinder- und Jugendarbeit Jena.
Es ist ein Aktions- und Freiraum für Kids, ein Ort des Selbermachens und Ausprobierens, ein Ort zum Plaudern und Herumrennen, im Schlamm toben und Hütten bauen.

Dahinter steht ein sozialarbeiterisches Konzept, wie es aus der offenen Kinder- und Jugendarbeit bekannt ist. Doch die Grundsätze sind nicht nur für die Kids des Abenteuerspielplatzes relevant, sondern zeigen die Grundhaltung des Projekts: „friedliches Zusammensein, beziehungsweise das Erlernen dessen, wir wollen mit unseren Angeboten die Kinder und Jugendliche dazu anregen und ihnen einen Raum geben, ihre Kreativität zu entfalten, Eigenverantwortung zu lernen und ihre Individualität wahren und fördern. … Die aktive Teilhabe an Planung und Durchführung von Ideen und Wünschen im Sinne der Partizipation von Kindern- und Jugendlichen bildet die Basis unserer Arbeit. Jahresprogramme und spezielle Aktionen sind dabei aus den Bedarfen und Ideen der TeilnehmerInnen heraus im Entstehen und werden durch Unterstützung von den MitarbeiterInnen geplant und unterstützt, wir motivieren dabei auch dazu, dass die Kinder und Jugendlichen mit ihren Gedanken, Wünschen und Ideen jederzeit an uns herantreten können.“ (s. Selbstdarstellung Abenteuerspielplatz)

Diana Springer, Leiterin des Abenteuerspielplatzes und Initiatorin von „Buntes Gemüse“, zeigt bei einem Gang über das Gelände die von den Kids gebauten Hütten. „Dann haben sie neben den Hütten kleine Gärten angelegt“, berichtet sie. Daneben legte der Vater eines Kindes, mit einer von Selbstversorgung geprägten Lebenserfahrung, Ställe für Hühner, Hasen und Tauben an, das zum Streicheltiergehege wurde . Die Gärten verbreiteten sich weiter und so kam es, dass der Abenteuerspielplatz immer mehr zu einem Ort urbaner Subsistenz wurde. Da es zum Konzept gehört, die Impulse der Kids aufzugreifen, wurde der „Dschungel“ des Abenteuerspielplatzes, ein Dickicht am Rande des Geländes, in einen Garten umgewandelt.
Im neuen Gemeinschaftsgarten darf sich jede*r ein Beet anlegen, es wird auf verschiedenen Feuerstellen gekocht und der Bauwagen, der zunächst nur ein Lagerort sein sollte, bietet nicht nur Bienen einen Lebensraum, sondern wurde von den Kids umfunktioniert. Auf einer Matratze liegend, vom Ofen gewärmt, lässt es sich dort auch bei Schmudelwetter wunderbar „über Gott und die Welt philosophieren“, wie Diana Springer schmunzelnd erzählt.
Aber „Buntes Gemüse“ wäre kaum zum „Jenaer Modell“ geworden, wenn es nur ein Garten für Kids vom Abenteuerspielplatz geblieben wäre. Der Garten öffnete sich der Nachbarschaft und versteht sich nicht nur als interkultureller Garten. Die Prinzipien der offenen Jugendarbeit werden auf den Garten übertragen: Es ist ein Freiraum, der auch ein Raum der Aneignung sein will, wo Hilfe zur Selbsthilfe geboten wird. Wo Menschen sich begegnen, gemeinsam arbeiten und teilen, aktiv partizipieren und sich auch zurückziehen können, wo sie Natur erleben und gestalten können. Ein offener Garten, der Menschen einlädt, buntes Gemüse zu sein und zu kultivieren, das ist nicht selbstverständlich in der Plattenbausiedlung Jena-Lopeda und auch nicht anderswo. Als der Garten im April 2015 eröffnet wurde, war das Ausmaß der Flüchtlingskrise noch nicht abzusehen. Die Willkommenskultur war schon mal da. Kurz darauf wurde eine Unterkunft für Geflüchtete direkt gegenüber des Gartens gebaut. Was für ein Glück – für die Geflüchteten und den Garten! Diana Springer berichtet, dass der Garten von der zuverlässigen Pflege der neuen Nachbarn sehr profitiert hat, gerade während der Hitzeperiode im Sommer: „Sie kamen jeden Abend zum Gießen.“ Und die Neuankömmlinge fanden einen Ort vor, an dem sie willkommen sind, gestalten können und wo ihre Mitarbeit geschätzt wird.
Nach meiner Einschätzung ist es wesentlich für den Erfolg das „Bunte Gemüses“, das das Projekt neben all den Gärtner*innen von zwei hauptamtlichen Sozialarbeiter*innen kompetent begleitet sind. Sie sind jeden Tag am Platz, sie kennen die Leute und sie können mit Konflikten konstruktiv-professionell umgehen. Die Haltung aus der offenen Kinder- und Jugendarbeit ist in Fleisch und Blut übergegangen, der Kontakt mit Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsfamilien ist für die Hauptamtlichen eine Selbstverständlichkeit. Und entstehen einige Probleme erst gar nicht, die sich in anderen interkulturellen Gärten stellen: zeitliche und emotionale Überforderung der Ehrenamtlichen, unklare Rollen, begrenzte Erfahrung in Konfliktlösung, fehlende Infrastrukturen, unsichere oder befristete Nutzungserlaubnis. Diana Springer kommentiert: „Andere interkulturelle Gärten müssen sich erst die soziale Kompetenz drauf schaffen, wir die gärtnerische.“ Hervorzuheben ist, dass der Garten sich nicht so schnell so gut hätte entwickeln können ohne das bewundernswerte Engagement von Diana Springer, die neben Beruf und Familie unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit investiert, wie ich selbst erleben konnte, als sie sich außerhalb ihrer Arbeitszeit eine Stunde Zeit nahm, uns alles zu zeigen und zu erklären.

Wie wird der Garten Buntes Gemüse in ein paar Jahren aussehen? Geplant ist ein  hängenden Garten in einem großen Baum. Wer träumen kann, sieht ihn dort bereits grünen – und darunter ein Menge buntes Gemüse.

An diesem Baum wird ein hängender Garten entstehen, Buntes Gemüse Jena, CC BY NC SA J. Lay-Kumar
An diesem Baum wird ein hängender Garten entstehen, Buntes Gemüse Jena, CC BY NC SA J. Lay-Kumar
Das Jenaer Modell wird eines Tages vielleicht nicht mehr „Jenaer Modell“ heißen, sondern einen anderen Namen tragen. Einen, der nicht mehr auf Jena verweist, weil es sich längst in vielen Gemeinden etabliert hat. Wer träumen kann und will, sieht diese sozialarbeiterisch gestützte, gärtnerische Willkommenskultur bereits kommen.

Urban Gardening in Jena

Wenn sich Essbare Städte vernetzen und Erfahrungen austauschen, trägt das spannende Früchte. Die Initiativen Essbare Stadt Waldkirch und Essbare Stadt Jena stehen seit einem Jahr in Kontakt und so kam es, dass ich nach Jena eingeladen wurde, um von den Urban Gardening-Erfahrungen in Waldkirch und Freiburg zu berichten.

Am 6.10. organisierten die Essbare Stadt Jena und das lokale Agenda 21-Büro zusammen mit anderen Garteninitiativen einen Kennenlern- und Vernetzungsabend (Link zum Veranstaltungsbericht). Mit dabei waren die Initiativen Essbare Stadt Jena (Link), der interkulturelle Garten Buntes Gemüse (Link), der Volksgarten Jena (Link), der Stadtteilgarten Winzerla (Link), der Lernort Planzhaus, die solidarische Landwirtschaft Paradieschen (Link zum Blog) und der  Lagune Erfurt (Link). Die Stadtverwaltung war mit zahlreichen Vertreter*innen präsent, u.a. dem Dezernenten für Stadtentwicklung und Umwelt, Denis Peisker und der Beauftragten des lokalen Agenda 21-Büros, Sabine Hirschleber.

Ich war in der Doppelrolle als Wissenschaftlerin und Aktivistin eingeladen, den Auftaktvortrag zu halten: „Lokal, zukunftsfähig, lebensfroh – Urbanes Gärtnern in Waldkirch und Freiburg“. „To plant a garden is to believe in tomorrow“, dieses Zitat von Audrey Hepburn nutze ich gern, um den Bogen vom Urbanen Gärtnern zu zukunftsfähigen Deutungsmustern, Alltagspraktiken und Infrastrukturen zu schlagen. Wichtig finde ich, Urbanes Gärtnern nicht nur als nette, kleine Spielart ökologischer Nachhaltigkeitsstrategien darzustellen. Dass urbane Gärten auch das städtische Mikroklima verbessern und ökologische Trittsteine sind, ist ja nicht unwichtig. Es geht aber um viel mehr: Um die Mitgestaltung unserer Städte, um die Gestaltung von Natur-Kultur-Mischformen, weg von der Trennung zwischen Land/-wirtschaft und Stadt/Konsum. Es geht um Denkstöße zu Saatgut und globaler Nahrungsmittelproduktion und um kleinräumige Aktions- und Experimentierräume. Es geht ganz praktisch darum, Nahrungsmittel selbst anzubauen, Räume für soziale Begegnung zu schaffen und Wissen auszutauschen. Eine ressourcenleichte, lebensfrohe Kultur des Tauschens und Teilens zu gestalten und die Pflege von Gemeingütern zu lernen, dafür liefern unsere urbanen Gartenerfahrungen zumindest ein paar kleine, erfahrbare Beispiele, wie Samentauschbörsen, Kartoffelernte-Feste und Pflanz- und Tanzfeste.

Für jüngere Garteninitiativen interessant sind auch die Erfahrungen, die in Waldkirch und Freiburg in der Kooperation von Gartenprojekten und Stadtverwaltung gemacht wurden. Dabei finde ich es wichtig, die Perspektiven von Aktivist*innen und Stadtverwaltung gleichberechtigt darzustellen. Was den einen als Hürde erscheinen mag, stellt sich als Chance heraus, wenn die andere Seite mitmacht. Ein schönes Beispiel für eine Hürde, die sich in eine Chance verwandelt, dreht sich um die Bewässerung der Elzbeete der Essbaren Stadt Waldkirch (Post vom 22.8.15). Spannend sind auch Fragen der Beschilderung von öffentlichen Gartenflächen – wer zeigt sich als erste Adresse mit welchen Konsequenzen? –  und die Frage, ob Schuppen oder Werkzeugunterstände gebaut werden dürfen – und wie sich Stadt und Aktivist*innen entgegen kommen können. Von Seiten der Jenaer Stadtverwaltung kamen zahlreiche Fragen zu diesem Bereich.

Die Vorstellung der Initiativen in Jena, mitsamt Fotos und Geschichten, war für mich sehr spannend. Die Garteninitiativen hatten eine Liste mit Forderungen/Wünschen vorbereitet, die direkt mit dem Dezernenten Peisker und den Vertreter*innen der Verwaltung diskutiert wurden. Eine offizielle Ansprechperson in der Stadtverwaltung in der Stadt zugesprochen zu bekommen, das brauchte kaum mehr als das Lächeln von Sabine Hirschleber, die den Gartenaktivist*innen längst als zuverlässige Unterstützerin bekannt ist. Auch Wünsche zum Gießen und Entsorgen von Laub schienen leicht zu klären,  über Pflege- und Haftpflichtverträge wurde gesprochen. Heißer sind dagegen die Forderung nach einem Haushalts-Budget für Gemeinschaftsgärten und der Unterstützung durch angestellte Gärtner_innen – doch wer nicht fragt, der_die nicht gewinnt. Von Seiten der Stadtverwaltung kam der Vorschlag, weitere Pflanzkübel für Pat*innen in der Innenstadt aufzustellen, denn „die Stadt könnte bunter und schöner werden“. Wenn die Stadtverwaltung schon so begeistert ist, was kann dann noch passieren?

In der Diskussion mit dem Publikum mischte die Initiative „Wem gehört die Stadt?“ die gemütliche Stimmung im Kaminzimmer mit grundsätzlichen Fragen zu sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe auf, fand jedoch breitere Zustimmung, als ich erwartet hätte.

Stadtverwaltung und Aktivist*innen wollen sich weiter treffen und konkrete Schritte aushandeln. Ich bin gespannt, was sich weiter tut in Jena.

Von meinem Besuch auf den Flächen der Essbaren Stadt Jena und im interkulturellen Garten „Buntes Gemüse“ berichte ich nächstes Mal mitsamt Fotos.