Freitagsgärtnern der Essbaren Stadt Waldkirch

Bevor es gleich zum freitäglichen Gärten an den Elzbeeten der Essbaren Stadt Waldkirch geht, blogge ich noch schnell die Bilder vom Elzgärtnern letzten Freitag.

Wir haben Gräser gezupft, gemulcht, Tomatenspiralen gesetzt und die Wege um die Kinderbeete frei gemacht. Und natürlich die vollen Gießkannen von der Elz zu den Beeten rübergeschleppt.

Die Kinder haben, als sie des Gießens müde waren, Sandburgen am „Elzstrand“ gebaut. Drei Generationen von Aktiven am Werk!

 

Urban Gardening in Jena

Wenn sich Essbare Städte vernetzen und Erfahrungen austauschen, trägt das spannende Früchte. Die Initiativen Essbare Stadt Waldkirch und Essbare Stadt Jena stehen seit einem Jahr in Kontakt und so kam es, dass ich nach Jena eingeladen wurde, um von den Urban Gardening-Erfahrungen in Waldkirch und Freiburg zu berichten.

Am 6.10. organisierten die Essbare Stadt Jena und das lokale Agenda 21-Büro zusammen mit anderen Garteninitiativen einen Kennenlern- und Vernetzungsabend (Link zum Veranstaltungsbericht). Mit dabei waren die Initiativen Essbare Stadt Jena (Link), der interkulturelle Garten Buntes Gemüse (Link), der Volksgarten Jena (Link), der Stadtteilgarten Winzerla (Link), der Lernort Planzhaus, die solidarische Landwirtschaft Paradieschen (Link zum Blog) und der  Lagune Erfurt (Link). Die Stadtverwaltung war mit zahlreichen Vertreter*innen präsent, u.a. dem Dezernenten für Stadtentwicklung und Umwelt, Denis Peisker und der Beauftragten des lokalen Agenda 21-Büros, Sabine Hirschleber.

Ich war in der Doppelrolle als Wissenschaftlerin und Aktivistin eingeladen, den Auftaktvortrag zu halten: „Lokal, zukunftsfähig, lebensfroh – Urbanes Gärtnern in Waldkirch und Freiburg“. „To plant a garden is to believe in tomorrow“, dieses Zitat von Audrey Hepburn nutze ich gern, um den Bogen vom Urbanen Gärtnern zu zukunftsfähigen Deutungsmustern, Alltagspraktiken und Infrastrukturen zu schlagen. Wichtig finde ich, Urbanes Gärtnern nicht nur als nette, kleine Spielart ökologischer Nachhaltigkeitsstrategien darzustellen. Dass urbane Gärten auch das städtische Mikroklima verbessern und ökologische Trittsteine sind, ist ja nicht unwichtig. Es geht aber um viel mehr: Um die Mitgestaltung unserer Städte, um die Gestaltung von Natur-Kultur-Mischformen, weg von der Trennung zwischen Land/-wirtschaft und Stadt/Konsum. Es geht um Denkstöße zu Saatgut und globaler Nahrungsmittelproduktion und um kleinräumige Aktions- und Experimentierräume. Es geht ganz praktisch darum, Nahrungsmittel selbst anzubauen, Räume für soziale Begegnung zu schaffen und Wissen auszutauschen. Eine ressourcenleichte, lebensfrohe Kultur des Tauschens und Teilens zu gestalten und die Pflege von Gemeingütern zu lernen, dafür liefern unsere urbanen Gartenerfahrungen zumindest ein paar kleine, erfahrbare Beispiele, wie Samentauschbörsen, Kartoffelernte-Feste und Pflanz- und Tanzfeste.

Für jüngere Garteninitiativen interessant sind auch die Erfahrungen, die in Waldkirch und Freiburg in der Kooperation von Gartenprojekten und Stadtverwaltung gemacht wurden. Dabei finde ich es wichtig, die Perspektiven von Aktivist*innen und Stadtverwaltung gleichberechtigt darzustellen. Was den einen als Hürde erscheinen mag, stellt sich als Chance heraus, wenn die andere Seite mitmacht. Ein schönes Beispiel für eine Hürde, die sich in eine Chance verwandelt, dreht sich um die Bewässerung der Elzbeete der Essbaren Stadt Waldkirch (Post vom 22.8.15). Spannend sind auch Fragen der Beschilderung von öffentlichen Gartenflächen – wer zeigt sich als erste Adresse mit welchen Konsequenzen? –  und die Frage, ob Schuppen oder Werkzeugunterstände gebaut werden dürfen – und wie sich Stadt und Aktivist*innen entgegen kommen können. Von Seiten der Jenaer Stadtverwaltung kamen zahlreiche Fragen zu diesem Bereich.

Die Vorstellung der Initiativen in Jena, mitsamt Fotos und Geschichten, war für mich sehr spannend. Die Garteninitiativen hatten eine Liste mit Forderungen/Wünschen vorbereitet, die direkt mit dem Dezernenten Peisker und den Vertreter*innen der Verwaltung diskutiert wurden. Eine offizielle Ansprechperson in der Stadtverwaltung in der Stadt zugesprochen zu bekommen, das brauchte kaum mehr als das Lächeln von Sabine Hirschleber, die den Gartenaktivist*innen längst als zuverlässige Unterstützerin bekannt ist. Auch Wünsche zum Gießen und Entsorgen von Laub schienen leicht zu klären,  über Pflege- und Haftpflichtverträge wurde gesprochen. Heißer sind dagegen die Forderung nach einem Haushalts-Budget für Gemeinschaftsgärten und der Unterstützung durch angestellte Gärtner_innen – doch wer nicht fragt, der_die nicht gewinnt. Von Seiten der Stadtverwaltung kam der Vorschlag, weitere Pflanzkübel für Pat*innen in der Innenstadt aufzustellen, denn „die Stadt könnte bunter und schöner werden“. Wenn die Stadtverwaltung schon so begeistert ist, was kann dann noch passieren?

In der Diskussion mit dem Publikum mischte die Initiative „Wem gehört die Stadt?“ die gemütliche Stimmung im Kaminzimmer mit grundsätzlichen Fragen zu sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe auf, fand jedoch breitere Zustimmung, als ich erwartet hätte.

Stadtverwaltung und Aktivist*innen wollen sich weiter treffen und konkrete Schritte aushandeln. Ich bin gespannt, was sich weiter tut in Jena.

Von meinem Besuch auf den Flächen der Essbaren Stadt Jena und im interkulturellen Garten „Buntes Gemüse“ berichte ich nächstes Mal mitsamt Fotos.

Hitzesommer – Wer hat das Recht auf Wasser?

Die Themen Hitze und Dürre in Deutschland werden in den Medien heiß diskutiert (Link zu „Die große Dürre, SZ vom„Die große Dürre“, Süddeutsche Zeitung, Badische Zeitung zu Wassermangel). In Südbaden werden bei Roggen und Mais Ernteausfälle erwartet, der Wasserstand des Rheins ist niedrig. Noch ist Wasser in Südbaden nicht umkämpft. Dieser heiße Sommer wirft jedoch Fragen auf, die politische Konflikte der Zukunft vorweg nehmen.

Je nach Versorgungslage trifft die Dürre auch urbane Gärten. Dabei erscheint es mir so, dass die Gärten am schlechtesten dastehen, die ihr Wasser aus Bächen und Flüssen bekommen. Wie kann das sein?

Gärten in der Innenstadt, wie Bambis Beet am Stadttheater, werden mit Schlauch und Leitungswasser bewässert. Die Problematik, dass die Grundwasserpegel drastisch sinken, wirkt sich nicht unmittelbar auf die Wasserversorgung aus. Grundsätzlich stellt sich jedoch die Frage, wie viel Wasser individuell und kommunal verbraucht werden darf und welche Nutzungen Priorität haben. Anders als in wasserarmen Regionen gibt es keine Rationierung von Leitungswasser, dementsprechend können sich auch urbane Gärten ebenso wie private Balkongärten etc. bedienen.

Durch Freiburgs Stadtteile fließen zahlreiche Bächle (Link zum Wikipedia-Artikel) und Bäche (wie der Dietenbach und der St. Georgener Dorfbach). In den Grünanlagen gibt es zahlreiche kleine, kanalisierte Bäche. Die angrenzenden urbanen Gärten schöpfen dort mit ihren Gießkannen, z.B. der Klimagarten im Dietenbachgelände, der Wandelgarten Vauban am Dorfbach und das Essbare Rieselfeld aus einem Seitenkanal des Käserbachs. Da das Bachwasser innerhalb der Stadt nicht für landwirtschaftliche Zwecke gebraucht wird, stellt dies kein Problem dar. Beziehungsweise werden darüber keine offenen Konflikte ausgetragen, ein Gießkännchen hier und da scheint kaum als Problem gesehen werden. Doch das könnte sich bei häufigeren Hitzeperioden ändern.

Hart hat die Wasserarmut aber die Elzbeete der Bürgerinitiative Essbare Stadt Waldkirch(Link zur Essbaren Stadt Waldkirch) getroffen:

Die Elzbeete liegen direkt am Flüsschen Elz. Da die Gegend flußabwärts landwirtschaftlich geprägt ist, gibt es feste Reglungen, wer wann wo Wasser entnehmen darf. Privathaushalte dürfen ab einem bestimmten Pegelstand kein Wasser mehr entnehmen, bei akutem Niedrigwasser ist sogar das Schöpfen mit Gießkannen laut Verordnung bei Strafe verboten (Link zur Hochwasservorhersagezentrale). Selbst wenn in Waldkirch auf Höhe der Elzbeete genug Wasser fließt, es ist für die landwirtschaftlichen Anrainer gedacht. Diese müssen dafür Grundwasser einspeisen – Grundwasser in Flüsse einleiten, um Felder zu bewässern  – wie lange kann das gut gehen? Das Elzwasser wird über zahlreiche Kanäle zu den Feldern geleitet. In unserer Region, zwischen Schwarzwald und Kaiserstuhl bedeutet das vor allem Erdbeer- und Spargel- und Weinanbau, aber auch Futtermais und Raps. Seit 14. Juli war akutes Niedrigwasser. Konkret hieß das in diesen heißen Wochen: Die Elz fließt zwar neben den Beeten, darf aber in keinster Weise genutzt werden. Das Überraschende aus aktivistischer wie wissenschaftlicher Sicht: die Gärtner*innen hielten sich strikt daran und standen – zugunsten der Tier- und Pflanzenwelt im Fluss – sogar hinter dem Verbot. Damit möglichst wenig Wasser verdunsten konnte, wurde mit Grasschnitt der umgebenen Wiese hoch gemulcht. Als Glücksfall erwies sich, dass eine benachbarte Firma für Öfen der Bürgerinitiative erlaubt, Regenwasser aus ihrer Zisterne zu schöpfen. Dieses wurde allabendlich mit Gießkannen zum Garten transportiert. Ansonsten wären die Elzbeete mit Sicherheit vertrocknet.

Noch mehr hat mich überrascht, dass es unter den Gärtner*innen keinen Protest dagegen gab, dass ein urbaner Garten wie ein Privatgarten behandelt wird. Zumal die Essbare Stadt Waldkirch explizit ein offener Garten für alle ist mit dem Motto „Jeder für alle, alle für jeden“. Wie ist ein Gemeingut (commons) zu behandeln, welcher Rang wird ihm zugesprochen? Was hat in heißen Sommern, wenn das Wasser knapp wird, Priorität? Wer bestimmt, wie viel Wasser wohin geleitet wird? Haben wasserintensive Pflanzungen mehr Anrecht auf Wasser? Was muss in jedem Fall bewässert werden? Konkret gefragt: Wer bestimmt, ob Apfelplantagen oder Kleingärten bevorzugt werden, Tomaten im Folientunnel oder Blumen? Und gibt es ein Recht darauf, in Hitzesommern Futtermais oder Raps zur Energieerzeugung zu kultivieren, während subsistenzorientierte Klein- und Gemeinschaftsgärten verdorren? Wie kann eine zukunftsfähige und gerechte Wassernutzung aussehen?

Diese Fragen stellten sich mir in greifbarer Form bei hitzelastigen Radtouren rund um Freiburg, in Zukunft werden sie auf (mehr als kommunal)politischer Ebene zu verhandeln sein.