Hochsommerliche Aktionstage im August: Bänke, Blumen und Kräuter für die Begegnungsoase St. Christoph

Nachdem wir Anfang August vier Hochbeete für den interkulturellen Garten „Begegnungsoase“ in der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph in Freiburg gebaut hatten, haben wir zwei Wochen später die ersten Bänke gebaut – damit zur Oase auch der Begegnungsaspekt kommt. Ausgestattet mit japanischer Holzsäge, Akkuschrauber, Zollstock und Schrauben machten eine meiner Mitstreiterinnen und ich uns daran, Bänke an die Hochbeete zu bauen. Wir hatten reichlich zugesägte Bretter und eine Idee, wie es ausschauen sollte. Los ging es, umrundet von vielen Kinder, die auch sägen, bohren und halten wollen, und einigen Bewohnern. Vier syrische Männer gehören mittlerweile zum festen Aktionsteam, sie packen bei jeder Gartenaktion kräftig an. Die japanische Holzsäge hat sie besonders begeistert und so war die viereckige Bank in kürzester Zeit aus langen Bretter zurecht gesägt. Innerhalb von drei Stunden haben wir vier Bänke gebaut, die auch gleich von den Bewohner*innen eingesessen wurden. Wir hatten auch noch ein paar kleine Johannisbeersträucher übrig, die in den Beeten Platz gefunden haben. Schade, dass die dieses Jahr keine Früchte mehr tragen, fanden die gärtnernden Kinder!

Gleich eine Woche später haben wir einen weiteren Aktionstag gemacht. Uns war aufgefallen, dass in den Hochbeeten noch viel Platz war. Und die unbedeckte Erde trocknet ja in der prallen Sommersonne schnell aus, was den Gießaufwand erhöht. Außerdem hatten wir beim ersten Pflanztag viele Sträucher gepflanzt, die nächstes Jahr zum ersten Mal Früchte tragen werden, aber kaum blühende Pflanzen. Da es uns ein großes Anliegen ist, den ehemalig vernachlässigten Flecken zwischen den Häusern nicht nur in einen Nutzpflanzengarten, sondern in eine duftende Oase zu verwandeln, entschieden wir uns, mit blühenden und duftenden Pflanzen aufzustocken. An einem heißen Sommertag ließen wir uns zunächst in der nahegelegenen Gärtnerei Hügin beraten und inspirieren. Zwischen Fußballfeld und Parkplatz findet sich dieser wundervoll gestaltete Ort, der schon durch seine ästhetische Gartengestaltung zum Besuch einlädt. Die Beratung von Ewald Hügin und seinem Team ist wirklich beeindruckend: Die Mitarbeiterin, die uns beriet, wollte genau verstehen, was es mit unserem Gartenprojekt auf sich hat und welche Pflanzen für diese Gegebenheiten ideal sind. Also: Sonne und temporäre Trockenheit vertragende, farbenprächtige, möglich duftende Pflanzen, die ungiftig und robust sind, bitte! Ich bekomme nicht mehr zusammen, was wir alles mitgebracht haben: Sukkulenten aus der Familie der Hauswurze für den Steingarten, für die Kräuterspirale Ananassalbei, Zitronenthymian und Nanaminze, und farblich abgestimmte Blumen für die vier Hochbeete: eins gelb, eins rot, eins rosa, eins blau-violett.

Was mich an diesem Tag besonders gefreut hat, war, dass nicht nur viele Kinder, sondern auch erwachsene Bewohner*innen in Windeseile kamen und mitmachen wollten. Ein Mann fragte gleich nach meiner „Freundin mit der Säge“, denn er wollte noch mehr Bänke bauen. Den Akkuschrauber würde er auch besorgen, zeigte er mir mit Gesten. Leider erst beim nächsten Mal wieder! Auch ein Mädchen erzählte uns, ihrer Mutter gefielen die Bänke so gut und sie würde gern noch mehr sehen. Ich bat sie, dass ihre Mutter vorbeikommt und erklärt, wie sie die Bänke am liebsten hätte und wo sie stehen sollten. Kurz darauf stand eine Frau vor mir, die ich bislang noch nicht kannte, und zeigte mir schüchtern, welche Bänke sie sich wünscht. Es ist die Eckbank, die sich über zwei Seiten des Feigenbaumbeets zieht. Wunderbar, wir werden diese Anregung mit in die nächste Bauphase nehmen. Aber dann wurde trotz Mittagshitze  – um die 35 Grad auf dem sonnigen Platz – gepflanzt und gegossen, bis alle Pflanzen versorgt waren und alle Helfer*innen eine Abkühlung brauchten!

„Fangen wir mit einer Nanaminze an“

Zusammenfassung der Ausarbeitung einer kleinen Studie im Rahmen des Moduls „Politische Geographie/Ökologie: Migration und Integration (Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) (Lara Sander)

„Fangen wir mit einer Nanaminze an“

Im Kontext der aktuellen Flüchtlingsthematik und der daran geknüpften Fragen um eine Willkommenskultur, verschiedener Integrationskonzepte und der Gestaltung der Begegnungen von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, erfährt das Thema der Interkulturellen Gärten immer wieder an Relevanz. Dabei geht es vor allem um die Frage, inwiefern damit Möglichkeiten der Partizipation und in Anlehnung daran auch der Integration für die Geflüchteten und MigrantInnen gegeben werden können.

Das Konzept der Interkulturellen Gärten verbreitete sich seit den 1990er Jahren in Deutschland, nachdem bosnische Flüchtlingsfrauen in Göttingen auf die Frage hin, was sie am meisten vermissen, Gärten anlegten. Zum heutigen Zeitpunkt sind in ihnen 20 verschiedene Herkunftsländer vertreten und das Konzept ist mittlerweile von zahlreichen wissenschaftlichen Studien und politischen Programmen erfasst worden. In der Datenbank der bundesweiten Koordinationsstelle Interkultureller Gärten Stiftung Interkultur sind momentan 523 Gartenprojekte gelistet, welche hinsichtlich ihrer Organisationsform und Schwerpunktsetzung ein sehr heterogenes Feld aufweisen.

Die Gemeinsamkeit der Interkulturellen Gärten kommt dabei dort zusammen, wo sich das Gärtnern oder der Ort des Gartens von anderen Projekten von und mit Geflüchteten und MigrantInnen unterscheidet. Diesbezüglich distanziert sich das Integrationskonzept in Interkulturellen Gärten von einem Integrationsmodell, welches sich an das Konzept der ‚Assimilation‘ anlehnt und durch politische Maßnahmen erreicht werden soll. Im Gegensatz dazu geht es um die Formulierung eines ‚hybriden Integrationskonzeptes‘, welches in der aktuellen  Migrationsforschung und unter Postmodernen Theorien die zunehmende Verbreitung theoretischer Konzepte der transkulturellen wie auch transnationalen Räume aufgreift. In diesem Sinne sollen MigrantInnen und Geflüchtete nicht losgelöst von ihrer Herkunft betrachtet werden, sondern ihre vielschichtigen biographischen Hintergründe in dem Garten an Kontinuität erfahren. Konkret meint dies, dass in einem Garten Wissen und Fertigkeiten von jedem Mitmachenden gefragt sind, damit der Garten funktionieren kann. Über einen kommunikativen Austausch werden vermeintlich verloren gegangene Erfahrungen, Ressourcen, Kompetenzen, aber auch Bedürfnisse neu entdeckt und gemeinsam formuliert und damit nicht nur der Garten, sondern auch das soziale Miteinander gestaltet (Müller 2002, 2012; Werner 2008). Darüber hinaus kann ein Garten dazu beitragen, dass der ‚reduzierte‘ Status von Geflüchteten und MigrantInnen als Wartende und Hilfeempfangende in Bezug auf die Faktoren Ausbildung und Erwerbsarbeit ein Stückweit aufgehoben werden kann, indem die Menschen sich in einem Garten als produktiv, gestaltend und gebend erleben können.

Bei einem Interview mit Ronny Müller und Jenny Lay-Kumar, den Initiatoren des Gemeinschaftsgartens der Kulturen und der Begegnungsoase St. Christoph, wurde erfragt, welche Rolle diese beiden Freiburger Gemeinschaftsgärten in Hinblick auf Partizipations- und Integrationsmöglichkeiten für Geflüchtete und MigrantInnen spielen sollen. Beide Gartenprojekte verfolgen das Motiv einen Begegnungsort zu schaffen, in welchem sich Menschen verschiedener Nationalitäten kennenlernen können. Dabei wird der Integrationsbegriff von beiden Initiatoren eher abgelehnt und stattdessen auf das Konzept des interkulturellen Austausches verwiesen, welcher auf die Dekonstruktion von festgelegten Vorstellungen anderer Kulturen abzielt. Somit könne eine „Kultur der Wertschätzung“ entstehen und die Menschen verstehen: „so machen wir das, so gärtnern wir, so sind wir überhaupt drauf“ (Lay-Kumar 2016).

Hinsichtlich der Partizipationsmöglichkeiten ist beidseitig gewünscht, dass sich bereits bei der Planung und anfänglichen Umsetzung die BewohnerInnen der Wohnheime einbringen. Allerdings erschweren sprachliche Barrieren die Kommunikation und es ist für die Menschen teilweise schwer einerseits zu verstehen, was es mit dem Gartenprojekt überhaupt auf sich hat, und andererseits, dass sie durchaus ein Recht auf Mitgestaltung haben. Der von einer Nachbarschaftsinitiative angeleitete und nun vom Permakultur Dreisamtal e.V. weitergeführte Gemeinschaftsgarten der Kulturen an der ehemaligen Stadthalle steht dabei vor der Herausforderung, dass es sich bei dem Wohnheim um eine kurzweilige Unterkunft handelt. Somit stellt sich dort die Frage, ob die Menschen überhaupt eine Verbindung zum Garten herstellen können und ihn in diesem Sinne partizipativ mitgestalten werden. Auf der anderen Seite gärtnern dort jetzt sehr viele Kinder und einige Männer, die sich dabei gegenseitig Wörter auf Arabisch, Farsi und Deutsch beibringen oder durch den Geruch der Tomaten an ihre Heimat erinnert werden. Für Ronny Müller geht es darum erst einmal zu schauen: „was sind das für Menschen und was bringen sie mit sich?“ und dann im Laufe der Zeit die Bedürfnisse und Anliegen der Menschen in Bezug auf das Gartenprojekt zu erfragen. Die Begegnungsoase St. Christoph hingegen ist fernab jeglicher Nachbarschaft und städtischen Infrastruktur gelegen und möchte aufgrund der beengten Wohnsituation durch den Garten einen Rückzugsort schaffen, welcher Ästhetik und Produktion miteinander verbindet. Der auch hier gewünschte Bottom-up Ansatz zielt dabei darauf hin, möglichst viele Akteure diverser dort bereits aktiver Initiativen mit in die Planung einzubinden. Nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ soll der Garten jedoch irgendwann an die BewohnerInnen übergeben und von ihnen angeeignet werden. „Das ist unser Garten“ ist dabei letztendlich das, was im Sinne eines Beheimatungsgefühls am Ende dabei herumkommen soll. „Fangen wir mit einer Nanaminze an“ (Lay-Kumar 2016).

Das Umweltbildungszentrum und die jungen Wilden: Artikel über die Freiburger Ökostation in den ökopädNEWS

Zum Thema „Transformation von unten“ gehört nicht nur ein theoretischer Artikel, sondern zu zeigen, welchen Beitrag Umweltzentren leisten können im Sinne von einem best practice-Beispiel. Die kenne und schätze die Freiburger Ökostation seit langem, deshalb hat es mir Freude gemacht, über sie zu schreiben. Hier ist er:  ökopädNEWS März 2016: Transformation von unten, Ausgabe Nr. 268 (Copyright: ANU)

Das Umweltbildungszentrum und die „jungen Wilden“

„Von Stadtbienen über urbane Gärten bis zum Filmfestival – die Ökostation Freiburg hat viele Geschichten gelingender Kooperationen mit jungen Nachhaltigkeitsinitiativen zu erzählen. Die mittlerweile 30 Jahre junge Ökostation unterstützt die Initiativen mit Know-how, räumlichen und finanziellen Ressourcen. Hier werden drei beispielhafte Kooperationen vorgestellt.

Summendes Reallabor

Die Freiburger „BienenCoop“ bringt Naturschutz, Nahrungsmittelproduktion und solidarisches Teilen zusammen. Der 2014 gegründete Verein hält auf öffentlichen Flächen gemeinschaftlich Bienen und schützt Wildbienen. Die BienenCoop ist bundesweit die erste Kooperative, die nach den Prinzipien des solidarischen Wirtschaftens imkert: „Solidarisch finanzieren, gemeinsam Bienen halten und Honig ernten“. Sie ist ein „bunter Haufen von Freiburger Alt – und Neuimker*innen unterschiedlichen Alters, die gemeinschaftlich arbeiten und das Überleben von Honig- und Wildbiene sichern wollen“. Die Aspekte des gemeinschaftlichen Tuns und handlungspraktischen Lernens sind zentral. Die Kooperation mit der Ökostation musste die BienenCoop nicht suchen – von Anfang an mischen drei MitarbeiterInnen der Ökostation ehrenamtlich mit. Sie bringen Wissen und langjährige Erfahrung zum Thema Wildbienen mit, ebenso wie umweltpädagogische Kompetenzen, die sie bei Führungen und Seminaren einbringen. Die Ökostation und die BienenCoop haben dauerhafte Kooperationen. Einmal im Jahr gibt es einen Projekttag für jeweils vier Schulklassen, die

„Gesundheitsfüchse“. Jede Klasse besucht den Besucher-Honigbienenstand im urbanen Garten „Waldgarten Deicheleweiher“. Beim jährlichen „Freiburger Tag der Regionen“, der in der Ökostation stattfindet, ist die BienenCoop Partnerin mit einem Info- und Mitmachstand. Und wenn einmal im Jahr die Partner-Ökostation aus Ishikawa, Japan, zu Besuch kommt, bringen das Umweltbildungszentrum und die BienenCoop gemeinsam ihr gebündeltes Erfahrungswissen zu Wildbienen und Honigbienen in der Stadt ein. Die Mitarbeiterin der Ökostation und Mitglied der BienenCoop, Svenja Fugmann, betont den Win-win-Charakter: „Nach den ersten gemeinsamen Veranstaltungen von Ökostation und BienenCoop hat sich die Kooperation verstetigt. Davon profitiert sowohl das Umweltzentrum als auch die Initiative – und natürlich die Zielgruppen, die sowohl ein langjährig etabliertes Umweltzentrum als auch eine junge Initiative kennenlernen.“

Ein Schulgarten zum Mitmachen

Es ist ein Anliegen der Ökostation, urbane Gärten zu fördern. Sie berät Gärten in der Planungsphase und bietet praktische Unterstützung. Das Freiburger Droste-Hülshoff-Gymnasium will bei der Umgestaltung des Schulhofs mehr als ein abgelegenes Kräutergärtchen. Es entsteht ein gemeinschaftlich getragener Schulgarten, der von einer engagierten Gruppe von Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen aufgebaut wird. Die Ökostation unterstützte das Projekt in der Planungsphase und gab beim Vor-Ort-Termin Tipps, welche Gartenelemente für das Außengelände gut umsetzbar sind. Die Wahl fällt auf Hochbeete, ein Hainbuchen-Haus als Rückzugsort und einen Steingarten, in dem auch Schülerkunst ausgestellt werden kann. Der Schulgarten will alte Gemüsesorten kultivieren. Die Förderung der Artenvielfalt bei Kulturpflanzen ist auch Anliegen der Ökostation, die bei der Pflanzung berät und lokales Saatgut vermittelt. Auch die urbanen Gärtner*innen Freiburg beraten das Schulgartenprojekt. Sie betonen den Wert des gemeinschaftlichen Bauens und Gärtnerns, um die Identifikation mit dem Projekt zu

stärken. Die Mitmacher wollen die Hochbeete nicht nur als Forschungsräume in diverse Unterrichtsfächer einbeziehen. „Ein Garten ist mehr als ein Schulhof – er ist ein Ort des Werdens“, unterstreicht ein engagierter Lehrer. Der Schulgarten soll nicht nur ein Ort sein, wo Schüler‘innen aus dem konkreten Handeln erfahrungsbasiertes Wissen zum Gemüseanbau ziehen. Das Schulgartenprojekt stärkt den Zusammenhalt und kann den Schüler*innen zeigen, dass sie ihre Schule und ihre Umgebung selbst gestalten können. Sie erleben sich als Mitmacher*innen, als selbstwirksame Akteure. Bei der Grundsteinlegung hämmerten und schippten an einem sonnigen Herbsttag der Rektor und einige Schüler, Lehrer und Eltern gemeinsam. Eine Mitmacherin fasst zusammen: „Es war eine Freude zu sehen und zu erleben, wie da in wenigen Stunden Hand in Hand ein ansehnliches Werk entstand.“

Rückenwind für das Greenmotions Filmfestival

Lebensnahe und greifbare Visionen für die Transformation zu verbreiten, das ist das Anliegen des Greenmotions Filmfestival, das seit 2014 in Freiburg stattfindet. Das Festival will die Energiewende vorantreiben. Es werden ausschließlich Filme zum Thema Erneuerbare Energien und Klimawandel gezeigt. Ziel ist es, Filmemacher*innen – auch Amateure – zu fördern und die Akteure der Energiewende zu vernetzen. Die Bedeutung des Themas soll durch das Medium Film und das attraktive Format des Filmfestivals weiter in die Bevölkerung getragen werden. Im ersten Jahr wurde das Filmfestival von Master-Studierenden getragen. Damit dieses innovative Format nach Studienende weiterbestehen konnte, benötigte es einen neuen Rahmen. Die Ökostation half bei der Etablierung fester und kontinuierlicher Infrastrukturen, indem es die Initiative beim Gründungsprozess des Greenmotions Vereins beratend unterstützte. Dazu Peter Rinker von Greenmotions: „Als junges und internationales Team mit viel Engagement, aber noch nicht so viel Erfahrung und Kontakten konnten wir sehr vom Austausch profitieren. Vertreter der Ökostation unterstützten uns mit wertvollen Ratschlägen und Ideen, welche uns den Start als neuer Verein mit dem noch jungen Greenmotions Filmfestival erleichterten.“ Um dem Filmfestival einen weiteren Schub zu geben und die Kooperation zu verstetigen, fördert es die Ökostation mit jährlich 500 Euro.“

(Autorin: Jenny Lay-Kumar)

www.oekostation.de

bienencoop.com

www.dhg-freiburg.de/joomla/index.php/schulleben/schulhofprojekt

greenmotions-filmfestival.de

Lernen für die sozial-ökologische Transformation: Artikel zu „Transformation von unten“ in ökopäd-NEWS

Endlich komme ich dazu, die Artikel vorzustellen, die ich für die ökopädNEWS geschrieben habe. Die ökopädNEWS sind eine Beilage zur Zeitschrift umwelt aktuell, die monatlich im Oekom-Verlag erscheint. Sie wenden sich vor allem an Menschen in der Umweltbildung. Ich arbeite immer wieder gern mit der ANU (Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung e.V.) zusammen, die die ökopädNEWS herausgibt. Bei einem Workshop zu Lernen für die sozial-ökologische Transformation kamen wir auf die Idee, dass ich doch mal meine wissenschaftliche Perspektive mit meinem Aktivismus in einem Artikel verbinden könnte.

Hier ist er: ökopädNEWS März 2016: Transformation von unten, Ausgabe Nr. 268

(Copyright: ANU)

Titelthema: Transformation von unten

Lernen für die sozial-ökologische Transformation

„Der sozialökologische Wandel braucht Wegweiser, Experimentierräume, Macher und Kooperationen. Umweltzentren und junge Nachhaltigkeitsinitiativen haben das Potenzial, als starke Partner die Transformation gemeinsam zu gestalten, neue Wege auszuprobieren, durch Handeln zu lernen und gewohnte Verhaltensweisen zu reflektieren.

Die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft kennt noch keinen Zielzustand. Sie ist ein gesellschaftlicher Such- und Lernprozess. Als Wegweiser in diesem Prozess bietet der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU) einen sicheren Entwicklungsraum innerhalb von ökologischen und sozialen Grenzen: die planetarischen Leitplanken als ökologische Begrenzung und die Globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) als soziale Ziele. Die planetarischen Leitplanken sind Begrenzungen für gesellschaftliche Entwicklungspfade, die die Belastungsgrenzen der Ökosysteme markieren, z. B. in Bezug auf Klimaerwärmung und Biodiversitätsverlust. Die 2015 verabschiedeten SDGs zielen darauf, weltweit Menschen Zugang zu Ressourcen, Bildung, Energie und die Einhaltung von Menschenrechten zu garantieren. Während in der Vergangenheit Armutsbekämpfung und Umweltschutz als getrennte Ziele gedacht wurden, zeigt der WBGU, dass die Einhaltung der Leitplanken die notwendige Voraussetzung für globale Gerechtigkeit ist, wie jüngst bei der DBU-Tagung „Bildung für nachhaltige Entwicklung in Zeiten großer Herausforderungen“ diskutiert und bekräftigt.

Handeln innerhalb der Leitplanken

Die Weichen für die Transformation sind damit gestellt. Wie kann eine nachhaltige Alltagsgestaltung aussehen innerhalb des Spielraums, den ökologische und soziale Leitplanken lassen? Der sozialökologische Wandel in der Gesellschaft braucht attraktive Visionen, die lebensnah und greifbar sind. Da er einen kollektiven Suchprozess mit offenem Ausgang darstellt, ist es umso wichtiger, Räume zum Ausprobieren zu haben und dabei neue Techniken erlernen und Verhaltensweisen reflektieren zu können. Mit der sogenannten „Transformativen Bildung“ schlug der WBGU einen neuen Begriff vor: Die Transformative Bildung nimmt aktiv an Suchprozessen teil und ist experimentier- und fehlerfreundlich. Durch ihre Formate können Lernende sich als selbstwirksame Akteur*innen in Transformationsprozessen erleben, so Uwe Schneidewind und Mandy Singer-Brodowski. Transformative Bildung beinhaltet, unsere kulturellen Deutungsmuster zu verstehen. Davon ausgehend lassen sich Alternativen formulieren, z. B. neue Deutungen von Lebensqualität.

Im Rahmen des ANU-Projektes „Vom Handeln zum Wissen – Umweltzentren als Change Agents einer Transformation von unten“ zeigen Umweltzentren, wie sie – gemeinsam mit Initiativen des Teilens, Tauschens und Selbermachens – der Transformation durch Lernen in Reallaboren einen Schub geben. Reallabore sind Projekte, die Experimentierräume für eine zukunftsfähige Alltagsgestaltung bieten, so Schneidewind/Singer-Brodowski. Initiativen wie Urbane Gärten, Repair-Cafés, Betriebe der Solidarischen Landwirtschaft oder Stadtimkereien verbinden die ökologische und die soziale Dimension von Nachhaltigkeit. Sie verknüpfen ressourcenleichte Alltagspraktiken mit gemeinschaftlicher Aktivität und Spaß.

Das Engagement in den Initiativen bringt wertvolles Erfahrungswissen hervor, das Umweltschutz mit Alltagshandlungen verbindet. Erfahrungsbasiertem Wissen kommt eine Schlüsselfunktion für die Transformation zu. Denn während zwischen abstraktem Wissen und konkretem Handeln eine Kluft bleibt, prägt das praktische Wissen, das wir durch sinnliche Erfahrung erlernen, unser alltägliches Handeln – und auch unsere Deutungen dessen, was möglich und wünschenswert ist. Wer regelmäßig in einem Gemeinschaftsgarten Pflanzen und Kontakte pflegt, seinen Bienenstand in der Nachbarschaft hat oder seine Geräte samt Kaffeeklatsch selbst repariert, dem erscheint die Aussicht, seinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern und mehr zu teilen, tauschen und selbst zu machen, nicht als Verlust, sondern als Gewinn an Lebensqualität.

Lernen mit den Umweltzentren

Damit aus kreativen Aktionen längerfristige Reallabore werden, lohnt es sich, wenn junge Nachhaltigkeitsinitiativen Kooperationen mit Umweltzentren eingehen. Während die Initiativen über spritzige Ideen, junges Publikum und Social-Media-Kompetenz verfügen, fehlen oft feste Infrastrukturen und durch eine starke Fluktuation der Teilnehmenden ein langer Atem. Umweltzentren können zu Agent*innen des Wandels werden, wenn sie ihre Stärken einbringen: langjährige Erfahrung, vorhandene Infrastrukturen, didaktisches und handwerkliches Know-how sowie Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Wenn neue Deutungen auf attraktive Formate treffen und durch die Anbindung an Infrastrukturen und Institutionen an Kontinuität gewinnen, dann entstehen transformative Lernräume für eine Alltagsgestaltung, die nicht nur ökologisch und fair, sondern zudem innovativ und attraktiv ist.“

(Autorin: Jenny Lay-Kumar)

www.kurzlink.de/5835schneidewind

www.jennys-gartenblog.de

www.umweltbildung.de/transformation.html

Exkursion zum Klimagarten mit internationalen Gästen

Letzte Woche bekam der Klimagarten im Dietenbachgelände/Freiburg Besuch von Gästen von Indonesien über Kamerun, Paderborn und Bolivien bis zu Brasilien und den Philippinen. Im Rahmen des internationalen Workshops „Entwicklung“ der Evangelischen Hochschule Freiburg war eine Fragestellung, welche Erfahrungen lokale Initiativen machen. Im Open Space haben wir viel über Partnerschaften und Ungleichgewichte zwischen Geldgeber*innen im Globalen Norden und Graswurzelprojekten im Globalen Süden gesprochen.

Danach habe ich einen Überblick über Freiburgs Urban Gardening-Initiativen gegeben und die Vielfalt an Projekten und Schwerpunkten aufgezeigt, exemplarisch am Klimagarten im Dietenbachgelände, der lokalen Klimaschutz in einem Garten für alle praktiziert, Bambis Beet, dem umkämpften Garten an der Baustelle „in the heart of the city“, dem Wandelgarten im Öko-Viertel Vauban, das Essbare Rieselfeld im Neubaugebiet, das u.a. rollstuhlgerechte Beete gebaut hat, der Waldgarten Wiehre mitsamt den Bienen der Solidarischen Bienencoop und die an existierende Institutionen angebundenen Gärten in der Kita Violett in Weingarten und Vaugarten im Studierendendorf Vauban. Unter Hürden und Chancen (bzw. Hürden, die sich in Chancen verwandelt) habe ich thematisiert: Zugang zu Wasser, Kooperation mit der Stadtverwaltung samt Beschilderung und die Frage, wer die Care-Arbeit für Gärten auf öffentlichen Flächen übernimmt.

Schön war es, diese Themen praktisch zu erfahren beim Gang in den Klimagarten, wo Bohnen und Salate sprießen, ein Bächlein für die Wasserzufuhr sorgt und Aktivist*innen ihre Erfahrungen schilderten. Bereichernd fand ich, die Perspektive der Gäste aus aller Welt auf unsere Gartenexperimente zu erfahren.

Auch die Badische Zeitung war zu Gast und hat berichtet:

http://www.badische-zeitung.de/freiburg/ohne-solidaritaet-gruent-wenig-im-klimagarten–122287480.html.

Buntes Gemüse Jena – interkultureller Gemeinschaftsgarten, eingebettet in ein Projekt der offenen Sozialarbeit

Seit meinem Besuch in Jena zum Vernetzungstreffen (s. Post vom 26.10.15) habe ich so oft vom „Jenaer Modell“ berichtet, aber noch nichts geschrieben. Ein Nachtrag: Der Garten „Buntes Gemüse“ in Jena-Lopeda (Link) ist nicht nur interkultureller Gemeinschaftsgarten, eine Oase in einer der größten Plattenbausiedlungen Europas. Es ist ein Projekt, das deutschlandweit Schule machen könnte – und dabei es ist selbst noch nicht über die Experimentalphase hinaus. Aber eins nach dem anderen.
Zunächst gab es den Abenteuerspielplatz (Link zur Seite des Abenteuerspielplatzes), ein Projekt der offenen Kinder- und Jugendarbeit Jena.
Es ist ein Aktions- und Freiraum für Kids, ein Ort des Selbermachens und Ausprobierens, ein Ort zum Plaudern und Herumrennen, im Schlamm toben und Hütten bauen.

Dahinter steht ein sozialarbeiterisches Konzept, wie es aus der offenen Kinder- und Jugendarbeit bekannt ist. Doch die Grundsätze sind nicht nur für die Kids des Abenteuerspielplatzes relevant, sondern zeigen die Grundhaltung des Projekts: „friedliches Zusammensein, beziehungsweise das Erlernen dessen, wir wollen mit unseren Angeboten die Kinder und Jugendliche dazu anregen und ihnen einen Raum geben, ihre Kreativität zu entfalten, Eigenverantwortung zu lernen und ihre Individualität wahren und fördern. … Die aktive Teilhabe an Planung und Durchführung von Ideen und Wünschen im Sinne der Partizipation von Kindern- und Jugendlichen bildet die Basis unserer Arbeit. Jahresprogramme und spezielle Aktionen sind dabei aus den Bedarfen und Ideen der TeilnehmerInnen heraus im Entstehen und werden durch Unterstützung von den MitarbeiterInnen geplant und unterstützt, wir motivieren dabei auch dazu, dass die Kinder und Jugendlichen mit ihren Gedanken, Wünschen und Ideen jederzeit an uns herantreten können.“ (s. Selbstdarstellung Abenteuerspielplatz)

Diana Springer, Leiterin des Abenteuerspielplatzes und Initiatorin von „Buntes Gemüse“, zeigt bei einem Gang über das Gelände die von den Kids gebauten Hütten. „Dann haben sie neben den Hütten kleine Gärten angelegt“, berichtet sie. Daneben legte der Vater eines Kindes, mit einer von Selbstversorgung geprägten Lebenserfahrung, Ställe für Hühner, Hasen und Tauben an, das zum Streicheltiergehege wurde . Die Gärten verbreiteten sich weiter und so kam es, dass der Abenteuerspielplatz immer mehr zu einem Ort urbaner Subsistenz wurde. Da es zum Konzept gehört, die Impulse der Kids aufzugreifen, wurde der „Dschungel“ des Abenteuerspielplatzes, ein Dickicht am Rande des Geländes, in einen Garten umgewandelt.
Im neuen Gemeinschaftsgarten darf sich jede*r ein Beet anlegen, es wird auf verschiedenen Feuerstellen gekocht und der Bauwagen, der zunächst nur ein Lagerort sein sollte, bietet nicht nur Bienen einen Lebensraum, sondern wurde von den Kids umfunktioniert. Auf einer Matratze liegend, vom Ofen gewärmt, lässt es sich dort auch bei Schmudelwetter wunderbar „über Gott und die Welt philosophieren“, wie Diana Springer schmunzelnd erzählt.
Aber „Buntes Gemüse“ wäre kaum zum „Jenaer Modell“ geworden, wenn es nur ein Garten für Kids vom Abenteuerspielplatz geblieben wäre. Der Garten öffnete sich der Nachbarschaft und versteht sich nicht nur als interkultureller Garten. Die Prinzipien der offenen Jugendarbeit werden auf den Garten übertragen: Es ist ein Freiraum, der auch ein Raum der Aneignung sein will, wo Hilfe zur Selbsthilfe geboten wird. Wo Menschen sich begegnen, gemeinsam arbeiten und teilen, aktiv partizipieren und sich auch zurückziehen können, wo sie Natur erleben und gestalten können. Ein offener Garten, der Menschen einlädt, buntes Gemüse zu sein und zu kultivieren, das ist nicht selbstverständlich in der Plattenbausiedlung Jena-Lopeda und auch nicht anderswo. Als der Garten im April 2015 eröffnet wurde, war das Ausmaß der Flüchtlingskrise noch nicht abzusehen. Die Willkommenskultur war schon mal da. Kurz darauf wurde eine Unterkunft für Geflüchtete direkt gegenüber des Gartens gebaut. Was für ein Glück – für die Geflüchteten und den Garten! Diana Springer berichtet, dass der Garten von der zuverlässigen Pflege der neuen Nachbarn sehr profitiert hat, gerade während der Hitzeperiode im Sommer: „Sie kamen jeden Abend zum Gießen.“ Und die Neuankömmlinge fanden einen Ort vor, an dem sie willkommen sind, gestalten können und wo ihre Mitarbeit geschätzt wird.
Nach meiner Einschätzung ist es wesentlich für den Erfolg das „Bunte Gemüses“, das das Projekt neben all den Gärtner*innen von zwei hauptamtlichen Sozialarbeiter*innen kompetent begleitet sind. Sie sind jeden Tag am Platz, sie kennen die Leute und sie können mit Konflikten konstruktiv-professionell umgehen. Die Haltung aus der offenen Kinder- und Jugendarbeit ist in Fleisch und Blut übergegangen, der Kontakt mit Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsfamilien ist für die Hauptamtlichen eine Selbstverständlichkeit. Und entstehen einige Probleme erst gar nicht, die sich in anderen interkulturellen Gärten stellen: zeitliche und emotionale Überforderung der Ehrenamtlichen, unklare Rollen, begrenzte Erfahrung in Konfliktlösung, fehlende Infrastrukturen, unsichere oder befristete Nutzungserlaubnis. Diana Springer kommentiert: „Andere interkulturelle Gärten müssen sich erst die soziale Kompetenz drauf schaffen, wir die gärtnerische.“ Hervorzuheben ist, dass der Garten sich nicht so schnell so gut hätte entwickeln können ohne das bewundernswerte Engagement von Diana Springer, die neben Beruf und Familie unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit investiert, wie ich selbst erleben konnte, als sie sich außerhalb ihrer Arbeitszeit eine Stunde Zeit nahm, uns alles zu zeigen und zu erklären.

Wie wird der Garten Buntes Gemüse in ein paar Jahren aussehen? Geplant ist ein  hängenden Garten in einem großen Baum. Wer träumen kann, sieht ihn dort bereits grünen – und darunter ein Menge buntes Gemüse.

An diesem Baum wird ein hängender Garten entstehen, Buntes Gemüse Jena, CC BY NC SA J. Lay-Kumar
An diesem Baum wird ein hängender Garten entstehen, Buntes Gemüse Jena, CC BY NC SA J. Lay-Kumar
Das Jenaer Modell wird eines Tages vielleicht nicht mehr „Jenaer Modell“ heißen, sondern einen anderen Namen tragen. Einen, der nicht mehr auf Jena verweist, weil es sich längst in vielen Gemeinden etabliert hat. Wer träumen kann und will, sieht diese sozialarbeiterisch gestützte, gärtnerische Willkommenskultur bereits kommen.

Urban Gardening in Jena

Wenn sich Essbare Städte vernetzen und Erfahrungen austauschen, trägt das spannende Früchte. Die Initiativen Essbare Stadt Waldkirch und Essbare Stadt Jena stehen seit einem Jahr in Kontakt und so kam es, dass ich nach Jena eingeladen wurde, um von den Urban Gardening-Erfahrungen in Waldkirch und Freiburg zu berichten.

Am 6.10. organisierten die Essbare Stadt Jena und das lokale Agenda 21-Büro zusammen mit anderen Garteninitiativen einen Kennenlern- und Vernetzungsabend (Link zum Veranstaltungsbericht). Mit dabei waren die Initiativen Essbare Stadt Jena (Link), der interkulturelle Garten Buntes Gemüse (Link), der Volksgarten Jena (Link), der Stadtteilgarten Winzerla (Link), der Lernort Planzhaus, die solidarische Landwirtschaft Paradieschen (Link zum Blog) und der  Lagune Erfurt (Link). Die Stadtverwaltung war mit zahlreichen Vertreter*innen präsent, u.a. dem Dezernenten für Stadtentwicklung und Umwelt, Denis Peisker und der Beauftragten des lokalen Agenda 21-Büros, Sabine Hirschleber.

Ich war in der Doppelrolle als Wissenschaftlerin und Aktivistin eingeladen, den Auftaktvortrag zu halten: „Lokal, zukunftsfähig, lebensfroh – Urbanes Gärtnern in Waldkirch und Freiburg“. „To plant a garden is to believe in tomorrow“, dieses Zitat von Audrey Hepburn nutze ich gern, um den Bogen vom Urbanen Gärtnern zu zukunftsfähigen Deutungsmustern, Alltagspraktiken und Infrastrukturen zu schlagen. Wichtig finde ich, Urbanes Gärtnern nicht nur als nette, kleine Spielart ökologischer Nachhaltigkeitsstrategien darzustellen. Dass urbane Gärten auch das städtische Mikroklima verbessern und ökologische Trittsteine sind, ist ja nicht unwichtig. Es geht aber um viel mehr: Um die Mitgestaltung unserer Städte, um die Gestaltung von Natur-Kultur-Mischformen, weg von der Trennung zwischen Land/-wirtschaft und Stadt/Konsum. Es geht um Denkstöße zu Saatgut und globaler Nahrungsmittelproduktion und um kleinräumige Aktions- und Experimentierräume. Es geht ganz praktisch darum, Nahrungsmittel selbst anzubauen, Räume für soziale Begegnung zu schaffen und Wissen auszutauschen. Eine ressourcenleichte, lebensfrohe Kultur des Tauschens und Teilens zu gestalten und die Pflege von Gemeingütern zu lernen, dafür liefern unsere urbanen Gartenerfahrungen zumindest ein paar kleine, erfahrbare Beispiele, wie Samentauschbörsen, Kartoffelernte-Feste und Pflanz- und Tanzfeste.

Für jüngere Garteninitiativen interessant sind auch die Erfahrungen, die in Waldkirch und Freiburg in der Kooperation von Gartenprojekten und Stadtverwaltung gemacht wurden. Dabei finde ich es wichtig, die Perspektiven von Aktivist*innen und Stadtverwaltung gleichberechtigt darzustellen. Was den einen als Hürde erscheinen mag, stellt sich als Chance heraus, wenn die andere Seite mitmacht. Ein schönes Beispiel für eine Hürde, die sich in eine Chance verwandelt, dreht sich um die Bewässerung der Elzbeete der Essbaren Stadt Waldkirch (Post vom 22.8.15). Spannend sind auch Fragen der Beschilderung von öffentlichen Gartenflächen – wer zeigt sich als erste Adresse mit welchen Konsequenzen? –  und die Frage, ob Schuppen oder Werkzeugunterstände gebaut werden dürfen – und wie sich Stadt und Aktivist*innen entgegen kommen können. Von Seiten der Jenaer Stadtverwaltung kamen zahlreiche Fragen zu diesem Bereich.

Die Vorstellung der Initiativen in Jena, mitsamt Fotos und Geschichten, war für mich sehr spannend. Die Garteninitiativen hatten eine Liste mit Forderungen/Wünschen vorbereitet, die direkt mit dem Dezernenten Peisker und den Vertreter*innen der Verwaltung diskutiert wurden. Eine offizielle Ansprechperson in der Stadtverwaltung in der Stadt zugesprochen zu bekommen, das brauchte kaum mehr als das Lächeln von Sabine Hirschleber, die den Gartenaktivist*innen längst als zuverlässige Unterstützerin bekannt ist. Auch Wünsche zum Gießen und Entsorgen von Laub schienen leicht zu klären,  über Pflege- und Haftpflichtverträge wurde gesprochen. Heißer sind dagegen die Forderung nach einem Haushalts-Budget für Gemeinschaftsgärten und der Unterstützung durch angestellte Gärtner_innen – doch wer nicht fragt, der_die nicht gewinnt. Von Seiten der Stadtverwaltung kam der Vorschlag, weitere Pflanzkübel für Pat*innen in der Innenstadt aufzustellen, denn „die Stadt könnte bunter und schöner werden“. Wenn die Stadtverwaltung schon so begeistert ist, was kann dann noch passieren?

In der Diskussion mit dem Publikum mischte die Initiative „Wem gehört die Stadt?“ die gemütliche Stimmung im Kaminzimmer mit grundsätzlichen Fragen zu sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe auf, fand jedoch breitere Zustimmung, als ich erwartet hätte.

Stadtverwaltung und Aktivist*innen wollen sich weiter treffen und konkrete Schritte aushandeln. Ich bin gespannt, was sich weiter tut in Jena.

Von meinem Besuch auf den Flächen der Essbaren Stadt Jena und im interkulturellen Garten „Buntes Gemüse“ berichte ich nächstes Mal mitsamt Fotos.

Meine Veröffentlichungen

Papers für die Degrowth-Konferenz 2014:

  • Lay, Jenny (2014): Building alliances in the field of food production and consumption: Urban Gardening and Community Based Agriculture, Leipzig, co-munity.net/conference2014/scientific-papers/3641.

  • Lay, Jenny/Westermayer, Till (2014): Tauschen, teilen, Erfahrungen sammeln: das transformative Potential sozial-ökologischer Praxisformen, http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/42041.

    Im Erscheinen:

  • Lay-Kumar, Jenny (2015): Wenn Umweltschutz alltagspraktisch wird – erfahrungsbasiertes Wissen gewinnen, Veränderung gestalten, in: Sammelband „Veränderung durch Engagement“, Reihe Umweltkommunikation der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. => Urban Gardening und Repair Cafés als Beispiele für nachhaltige Umweltschutzprojekte
  • Lay-Kumar, Jenny (2015): Transformation zu einer Postwachstumsgesellschaft: Wie Wissen, Praktiken und Infrastrukturen zusammenspielen, in: Sammelband Netzwerk Wachstumswende. => Theorie-Praxis-Verschränkung am Beispiel Urban Gardening und Solidarische Landwirtschaft