„Fangen wir mit einer Nanaminze an“

Zusammenfassung der Ausarbeitung einer kleinen Studie im Rahmen des Moduls „Politische Geographie/Ökologie: Migration und Integration (Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) (Lara Sander)

„Fangen wir mit einer Nanaminze an“

Im Kontext der aktuellen Flüchtlingsthematik und der daran geknüpften Fragen um eine Willkommenskultur, verschiedener Integrationskonzepte und der Gestaltung der Begegnungen von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, erfährt das Thema der Interkulturellen Gärten immer wieder an Relevanz. Dabei geht es vor allem um die Frage, inwiefern damit Möglichkeiten der Partizipation und in Anlehnung daran auch der Integration für die Geflüchteten und MigrantInnen gegeben werden können.

Das Konzept der Interkulturellen Gärten verbreitete sich seit den 1990er Jahren in Deutschland, nachdem bosnische Flüchtlingsfrauen in Göttingen auf die Frage hin, was sie am meisten vermissen, Gärten anlegten. Zum heutigen Zeitpunkt sind in ihnen 20 verschiedene Herkunftsländer vertreten und das Konzept ist mittlerweile von zahlreichen wissenschaftlichen Studien und politischen Programmen erfasst worden. In der Datenbank der bundesweiten Koordinationsstelle Interkultureller Gärten Stiftung Interkultur sind momentan 523 Gartenprojekte gelistet, welche hinsichtlich ihrer Organisationsform und Schwerpunktsetzung ein sehr heterogenes Feld aufweisen.

Die Gemeinsamkeit der Interkulturellen Gärten kommt dabei dort zusammen, wo sich das Gärtnern oder der Ort des Gartens von anderen Projekten von und mit Geflüchteten und MigrantInnen unterscheidet. Diesbezüglich distanziert sich das Integrationskonzept in Interkulturellen Gärten von einem Integrationsmodell, welches sich an das Konzept der ‚Assimilation‘ anlehnt und durch politische Maßnahmen erreicht werden soll. Im Gegensatz dazu geht es um die Formulierung eines ‚hybriden Integrationskonzeptes‘, welches in der aktuellen  Migrationsforschung und unter Postmodernen Theorien die zunehmende Verbreitung theoretischer Konzepte der transkulturellen wie auch transnationalen Räume aufgreift. In diesem Sinne sollen MigrantInnen und Geflüchtete nicht losgelöst von ihrer Herkunft betrachtet werden, sondern ihre vielschichtigen biographischen Hintergründe in dem Garten an Kontinuität erfahren. Konkret meint dies, dass in einem Garten Wissen und Fertigkeiten von jedem Mitmachenden gefragt sind, damit der Garten funktionieren kann. Über einen kommunikativen Austausch werden vermeintlich verloren gegangene Erfahrungen, Ressourcen, Kompetenzen, aber auch Bedürfnisse neu entdeckt und gemeinsam formuliert und damit nicht nur der Garten, sondern auch das soziale Miteinander gestaltet (Müller 2002, 2012; Werner 2008). Darüber hinaus kann ein Garten dazu beitragen, dass der ‚reduzierte‘ Status von Geflüchteten und MigrantInnen als Wartende und Hilfeempfangende in Bezug auf die Faktoren Ausbildung und Erwerbsarbeit ein Stückweit aufgehoben werden kann, indem die Menschen sich in einem Garten als produktiv, gestaltend und gebend erleben können.

Bei einem Interview mit Ronny Müller und Jenny Lay-Kumar, den Initiatoren des Gemeinschaftsgartens der Kulturen und der Begegnungsoase St. Christoph, wurde erfragt, welche Rolle diese beiden Freiburger Gemeinschaftsgärten in Hinblick auf Partizipations- und Integrationsmöglichkeiten für Geflüchtete und MigrantInnen spielen sollen. Beide Gartenprojekte verfolgen das Motiv einen Begegnungsort zu schaffen, in welchem sich Menschen verschiedener Nationalitäten kennenlernen können. Dabei wird der Integrationsbegriff von beiden Initiatoren eher abgelehnt und stattdessen auf das Konzept des interkulturellen Austausches verwiesen, welcher auf die Dekonstruktion von festgelegten Vorstellungen anderer Kulturen abzielt. Somit könne eine „Kultur der Wertschätzung“ entstehen und die Menschen verstehen: „so machen wir das, so gärtnern wir, so sind wir überhaupt drauf“ (Lay-Kumar 2016).

Hinsichtlich der Partizipationsmöglichkeiten ist beidseitig gewünscht, dass sich bereits bei der Planung und anfänglichen Umsetzung die BewohnerInnen der Wohnheime einbringen. Allerdings erschweren sprachliche Barrieren die Kommunikation und es ist für die Menschen teilweise schwer einerseits zu verstehen, was es mit dem Gartenprojekt überhaupt auf sich hat, und andererseits, dass sie durchaus ein Recht auf Mitgestaltung haben. Der von einer Nachbarschaftsinitiative angeleitete und nun vom Permakultur Dreisamtal e.V. weitergeführte Gemeinschaftsgarten der Kulturen an der ehemaligen Stadthalle steht dabei vor der Herausforderung, dass es sich bei dem Wohnheim um eine kurzweilige Unterkunft handelt. Somit stellt sich dort die Frage, ob die Menschen überhaupt eine Verbindung zum Garten herstellen können und ihn in diesem Sinne partizipativ mitgestalten werden. Auf der anderen Seite gärtnern dort jetzt sehr viele Kinder und einige Männer, die sich dabei gegenseitig Wörter auf Arabisch, Farsi und Deutsch beibringen oder durch den Geruch der Tomaten an ihre Heimat erinnert werden. Für Ronny Müller geht es darum erst einmal zu schauen: „was sind das für Menschen und was bringen sie mit sich?“ und dann im Laufe der Zeit die Bedürfnisse und Anliegen der Menschen in Bezug auf das Gartenprojekt zu erfragen. Die Begegnungsoase St. Christoph hingegen ist fernab jeglicher Nachbarschaft und städtischen Infrastruktur gelegen und möchte aufgrund der beengten Wohnsituation durch den Garten einen Rückzugsort schaffen, welcher Ästhetik und Produktion miteinander verbindet. Der auch hier gewünschte Bottom-up Ansatz zielt dabei darauf hin, möglichst viele Akteure diverser dort bereits aktiver Initiativen mit in die Planung einzubinden. Nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ soll der Garten jedoch irgendwann an die BewohnerInnen übergeben und von ihnen angeeignet werden. „Das ist unser Garten“ ist dabei letztendlich das, was im Sinne eines Beheimatungsgefühls am Ende dabei herumkommen soll. „Fangen wir mit einer Nanaminze an“ (Lay-Kumar 2016).